Experimente
Bei der Realisierung der nationalsozialistischen Völkermordspläne nahmen ebenfalls deutsche Ärzte aktiv teil, die an der Spitze zentraler medizinischer Einrichtungen von SS und Wehrmacht standen, sowie ihnen unterstelltes ärztliches Personal niederer Ebenen. Eine besondere Rolle kam dabei den Ärzten zu, die Dienst in den Konzentrationslagern, u.a. in Auschwitz, taten. Sie führten in ihnen verbrecherische medizinische Experimente an Häftlingen durch und übten Tätigkeiten aus, die mit dem Beruf eines Arztes im Widerspruch standen. Da sie mit ihrer Tätigkeit das im Lager durchgeführte Vernichtungsprogramm unterstützten, gingen sie in die Geschichte als verbrecherische Ärzte ein.
Einige der SS-Ärzte führten im KL Auschwitz pseudomedizinische Experimente durch:
- Im Lager führte er Sterilisierungsexperimente durch. Ihm stand ein Teil des Blockes 10 im Stammlager zur Verfügung. In den zwei Sälen im Obergeschoss dieses Blocks waren einige hundert Jüdinnen aus verschiedenen Ländern untergebracht. Die von Clauberg erarbeitete Methode einer operationslosen Massensterilisierung bestand darin, dass ein für diese Zwecke speziell präpariertes chemisches Mittel in die Geburtsorgane eingeführt wurde, das deren starke Entzündung zur Folge hatte. Nach einigen Wochen waren die Eierstöcke zusammengewachsen und damit verstopft. Ein Teil der Jüdinnen verstarb infolge der Experimente, andere wurden getötet, um Sektionen der Leichen durchzuführen.
- Im Juni 1943 schrieb Clauberg an Himmler:
- Die von mir erdachte Methode, ohne Operation eine Sterilisierung des weiblichen Organismus zu erzielen, ist so gut wie fertig ausgearbeitet. [...] Was die Frage anbelangt, die Sie, Reichsführer, mir stellten, nämlich in welcher Zeit es etwa möglich sein würde 1000 Frauen auf diese Weise zu sterilisieren, so kann ich diese heute voraussehend beantworten. Nämlich: Wenn die von mir durchgeführten Untersuchungen so weiter ausgehen wie bisher - und es besteht kein Grund anzunehmen, dass sie es nicht tun - so ist der Augenblick nicht mehr sehr fern, wo ich sagen kann, von einem entsprechend eingeübten Arzt an einer entsprechend eingerichteten Stelle mit vielleicht 10 Mann Hilfspersonal höchstwahrscheinlich mehrere hundert, wenn nicht gar 1000 - an einem Tage.
- Schumann war, ähnlich wie Clauberg, auf der Suche nach einer bequemen Methode zur Massensterilisierung, die es dem Dritten Reich ermöglichen würde die unterworfenen Völker mit Hilfe einer "wissenschaftlichen Methode" biologisch zu vernichten, indem man ihnen die Fähigkeit nahm sich fortzupflanzen. In einer der Baracken des KL Birkenau stellte man Schumann eine Anlage zur Sterilisierung mit Hilfe von Röntgenstrahlen zur Verfügung. In bestimmten Zeitabständen wurden ihm jeweils Gruppen von mehreren Dutzend jüdischen männlichen und weiblichen Häftlingen zugeführt, an denen mit Hilfe von Röntgenstrahlen Sterilisierungsexperimente durchgeführt wurden, bei den Männern an den Hoden, bei den Frauen an den Eierstöcken. Auf der Suche nach der optimalen Bestrahlungsdosis für eine völlige Unfruchtbarkeit experimentierte Schumann mit verschiedenen Strahlenmengen in wechselnden Zeitabständen. Als Folge der Bestrahlungen traten auf den Körpern der Opfer, vor allem im Bereich des Unterleibs und in der Leistengegend sowie am Gesäß schwere Verbrennungen auf und auf der Haut Entzündungen und nur schwer heilende Eiterwunden. In Fällen von Komplikationen kam es zu zahlreichen Todesfällen. Das Ergebnis der Sterilisationsexperimente mit Hilfe von Röntgenstrahlen erwies sich als unbefriedigend. In seiner Arbeit "Über die Wirkung von Röntgenstrahlen auf die menschlichen Fortpflanzungssorgane" (in der er sich auf die im KL Auschwitz durchgeführten Experimente stützte und die er Himmler im April 1944 schickte) sprach sich Schumann für die operative Kastrationsmethode als sicherer und schneller aus.
- Der Doktor der Philosophie und der Medizin Josef Mengele beschäftigte sich, in enger Zusammenarbeit mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin Dahlem, mit der Zwillingsforschung sowie mit der Physiologie und der Pathologie des Kleinwuchses. Er interessierte sich ebenfalls für Personen mit unterschiedlicher Färbung der Iris und für Ursachen und mögliche Behandlungsformen des Wasserkrebses, einer bis dahin in Europa fast unbekannten Krankheit, die damals im Lager der Sinti und Roma grassierte. Erste Versuche unternahm er an Sinti und Roma-Kindern. Eines seiner Versuchslabors befand sich im sog. Zigeunerfamilienlager. Die auf Empfehlung Mengeles ausgewählten an Wasserkrebs erkrankten Kinder wurden getötet, um an ihnen histopathologische Untersuchungen vorzunehmen. Dabei wurden einzelne Organe präpariert, Köpfe von Kindern sogar in Gläsern konserviert und u.a. an die Medizinische Akademie in Graz geschickt.
- Mengele begann Zwillingspaare und Kleinwüchsige sowie Personen von ungewöhnlichem Äußeren (mit Entwicklungsstörungen im Bereich von Kleinwüchsigkeit bzw. von ererbten äußeren Missbildungen) aus den zur Vernichtung ins Lager Birkenau gebrachten jüdischen Transporten auszusondern. Auch unter den Juden aus dem Theresienstädter Familienlager sowie aus dem Abschnitt BIII ("Mexiko") suchte er sich seine Opfer.
- In der ersten Phase der Experimente nahm Mengele an den ihm zur Verfügung stehenden Zwillingspaaren und Menschen mit angeborenen Anomalien fachärztliche Untersuchungen vor. Die Untersuchungen dauerten Stunden, waren in der Regel schmerzhaft und ermüdend. Sie waren für die verschreckten und hungrigen Kinder, aus denen sich die Mehrheit der Zwillingspaare rekrutierte, ein schreckliches Erlebnis. Die Zwillingspaare und die Menschen mit Missbildungen wurden fotografiert, von Kiefern und Gebiss wurden Gipsabdrücke angefertigt sowie Finger- und Zehenabdrücke gesichert. Nach Beendigung der Untersuchungen an den einzelnen Zwillingspaaren und Kleinwüchsigen wurden sie auf Anweisung Mengeles durch Phenolspritzen ins Herz getötet, um die zweite Phase der Experimente beginnen zu können: die vergleichende Analyse der inneren Organe nach der Sektion der Leichen. Die vom "wissenschaftlichen" Standpunkt interessanten anatomischen Präparate wurden konserviert und zur eingehenderen Untersuchung ins Institut nach Berlin-Dahlem geschickt.
- Auch für die Forschungen zu den Veränderungen im menschlichen Organismus als Folge von Hunger, insbesondere zur braunen Atrophie, wurden Häftlinge getötet. Im KL Auschwitz führte diese Untersuchungen SS-Obersturmführer Johann Paul Kremer, Dr. phil. und Dr. med. Professor für Anatomie und menschliche Vererbungslehre an der Universität Münster, durch. In der Ambulanz des Blockes 28 im Stammlager untersuchte er Häftlinge, die sich zur Aufnahme in den Häftlingskrankenbau gemeldet hatten. Viele von ihnen waren sog. Muselmänner, extrem entkräftet, im Endstadium der Aushungerung, die er mehrheitlich durch eine Phenolspritze töten ließ. Kremer wählte die Häftlinge aus, die er als geeignetes Untersuchungsmaterial ansah. Unmittelbar vor deren Tod, als sie schon auf dem Sektionstisch lagen, fragte er die Todeskandidaten nach für ihn interessanten Einzelheiten aus, z.B. nach dem Körpergewicht vor der Verhaftung oder nach in letzter Zeit eingenommenen Medikamenten. In einigen Fällen wurden die Häftlinge auch fotografiert. Aus den noch warmen Leichen wurden Teile von Leber, Milz und Bauchspeicheldrüse entnommen und zu Kremers Verfügung bereitgestellt.
- SS-Ärzte Friedrich Entress, Helmuth Vetter, Eduard Wirths
- In den Jahren 1941-1944 erprobten die SS-Lagerärzte Friedrich Entress, Helmuth Vetter und Eduard Wirths an Häftlingen Verträglichkeit und Wirksamkeit neuer pharmazeutischer Präparate mit den Bezeichnungen B-1012, B-1034, B-1036, 3582, P-111 sowie die Arzneimittel Rutenol und Periston, die noch nicht auf dem Markt erschienen waren. Die Ärzte handelten im Auftrag des Konzerns IG Farbenindustrie, der überwiegend zur Firma Bayer gehörte. Die genannten Präparate wurden an Häftlingen erprobt, die an Infektionskrankheiten litten, wobei sie erst in vielen Fällen mit diesen Krankheiten infiziert wurden.
- Im Jahre 1942 begann SS-Hauptsturmführer, Prof. Dr. August Hirt, Direktor des Anatomischen Instituts der Reichsuniversität Straßburg, eine Sammlung jüdischer Skelette (unter der Schirmherrschaft der Stiftung Ahnenerbe) anzulegen. Von Himmler erhielt er die Erlaubnis im KL Auschwitz die dazu erforderliche Anzahl von Häftlingen für diesen Zweck auszusuchen. Die Auswahl von 115 Personen (79 Juden, 2 Polen, 4 Asiaten - vermutlich sowjetische Kriegsgefangene - sowie 30 Jüdinnen) nahm sein Mitarbeiter, SS-Hauptsturmführer Dr. Bruno Begehr, in der ersten Hälfte des Jahres 1943 in Auschwitz vor, der die Opfer ebenfalls anthropometrisch vermaß sowie deren persönliche Daten festhielt. Seine "Arbeit" beendete Beger am 15. Juni 1943. Ein Teil der ausgewählten Häftlinge wurde nach einer Quarantänezeit im Juli und Anfang August ins Konzentrationslager Natzweiler-Struthof überstellt, wo sie in einer Gaskammer getötet wurden. Die Leichen der Opfer wurden Hirt als Material für die geplante Sammlung zur Verfügung gestellt, die u.a. anthropologische Studien zum Nachweis der Höherwertigkeit der nordischen Rasse ermöglichen sollte.
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